Ein Gespräch mit Gyula Turmayer über Sehnsuchtsorte, Alltagstauglichkeit und den zweiten Lebensmittelpunkt in Europa
Viele Menschen, die heute über eine Immobilie im Ausland nachdenken, suchen nicht mehr nur ein Ferienhaus. Sie suchen einen Ort, der zu einem neuen Lebensrhythmus passt — für mehrere Monate im Jahr, als Rückzugsort oder späteren Lebensmittelpunkt.
Die eigentliche Suche beginnt deshalb nicht bei der Immobilie, sondern beim Ort. Wie fühlt er sich außerhalb der Saison an? Gibt es Infrastruktur, medizinische Versorgung, Restaurants, Kultur und Nachbarschaft? Ist die Region gut erreichbar? Und passt der Alltag dort wirklich zu dem Leben, das man sich vorstellt?
Gyula Turmayer wollte diesen Fragen nicht am Schreibtisch nachgehen. Nach mehr als 30 Jahren im Immobiliengeschäft — als Projektentwickler, Makler und Vermieter — kaufte er ein Wohnmobil, lud seine Vespa auf und reist seither durch Italien.
Sein Blick galt nicht den bekannten Postkartenmotiven, sondern der Frage: Welche Regionen sind für deutschsprachige Käufer interessant, die einen zweiten Lebensmittelpunkt in Europa konkret planen?
Gyula, was hat dich dazu bewegt, Italien auf diese Weise zu bereisen?
Ich wollte die Regionen nicht aus Investorenperspektive betrachten, sondern aus Sicht der Menschen, die dort tatsächlich leben möchten.
Viele Käufer — gerade aus der Boomer-Generation — suchen heute keinen klassischen Ferienort mehr. Sie suchen einen Platz, an dem sie mehrere Monate im Jahr verbringen können.
Dafür muss man Orte erleben: durch die Straßen laufen, einen Kaffee trinken, die Nachbarschaft beobachten und spüren, wie sich ein Ort außerhalb der Hochsaison anfühlt. Eine Region kann im Juni und Juli wunderschön sein — entscheidend ist, wie sie sich im März oder November zeigt.

Was suchen deutsche Käufer heute?
Lebensqualität — aber nicht abstrakt, sondern sehr konkret.
Es geht nicht nur um Sonne, Meer und schöne Ausblicke.
Entscheidend ist, ob ein Ort zum eigenen Lebensstil passt: zur Erreichbarkeit aus Deutschland, zur medizinischen Versorgung, zu Gastronomie, Kultur, Infrastruktur und zu dem Alltag, den man dort führen möchte.
Dabei unterscheiden sich die Suchprofile deutlich. Naturverbundene Käufer suchen andere Orte als Wassersportliebhaber, Golfer oder Kunst- und Kulturinteressierte. Manche wünschen sich Ruhe, Wandern und ein Haus im Grünen. Andere möchten Nähe zum Meer, einen Hafen, Golfplätze, Restaurants oder kulturelle Angebote in erreichbarer Nähe.
Viele Käufer sind erfahren, viel gereist und finanziell oft gut aufgestellt. Sie wollen keine Zufallsentscheidung treffen und nicht irgendeine Immobilie kaufen. Sie suchen einen Ort, der zu ihrer Lebensphase, ihren Interessen und ihrem Alltag passt.
Wenn wir auf deine Italienreise schauen: Beginnen wir mit Apulien. Wie ist dein Eindruck?
Apulien hat sich stark entwickelt.
Die Region bietet Küste, historische Städte, gutes Essen und vielerorts noch attraktivere Preise als die bekannten Klassiker in Mittel- und Norditalien. Gleichzeitig haben internationale Käufer Apulien längst entdeckt.
Besonders interessant finde ich deshalb Orte, die nicht direkt in der ersten Reihe liegen. Dort gibt es oft noch authentische Strukturen, gewachsene Nachbarschaften und ein besseres Verhältnis zwischen Preis und Lebensqualität.
Die Amalfiküste gilt als Sehnsuchtsort. Ist sie noch interessant?
Die Amalfiküste bleibt spektakulär und Immobilien dort sind im internationalen Premiumsegment.
Wer dort kauft, entscheidet sich bewusst für eine der bekanntesten Küsten Europas — mit allen Vor- und Nachteilen. Für viele Menschen, die einen zweiten Lebensmittelpunkt suchen, sehe ich attraktivere Alternativen: Orte mit ähnlicher Schönheit, aber mehr Ruhe, mehr Alltagstauglichkeit und weniger Druck durch den internationalen Tourismus.
Die entscheidende Frage ist: Möchte ich eine Immobilie in einem berühmten Ort besitzen — oder dort wirklich leben?

Und nun die entscheidende Frage: Wo ist für dich derzeit der interessanteste Ort?
Den einen richtigen Ort gibt es nicht. Es hängt davon ab, wie man leben möchte.
Drei Regionen würde ich derzeit besonders genau betrachten: die Toskana, Ligurien und die Abruzzen.
Die Toskana ist erstaunlich stabil. Landschaft, Kultur, Architektur und Kulinarik bilden dort ein sehr stimmiges Gesamtbild. Interessant ist, dass viele Käufer heute nicht mehr nur das klassische Landhaus suchen, sondern kleinere Häuser oder Wohnungen in lebendigen Orten, die auch außerhalb der Saison funktionieren.

Ligurien verbindet Nähe zu Mitteleuropa, mediterranes Klima, authentische Küstenorte, Berge, Meer und ganzjährige Infrastruktur. Während viele automatisch
an die Toskana denken, bietet Ligurien oft noch mehr Entdeckungsqualität — mit historischen Orten, Küstenkultur und großer Vielfalt auf engem Raum.
Die Abruzzen haben mich besonders beschäftigt. Ich war dort lange unterwegs, weil die Landschaft extrem spannend ist: Berge und Meer liegen nah beieinander, dazu kommen historische Orte, ursprüngliche Dörfer und authentische Architektur. Die Städte an der Adria sind teilweise stark verbaut und nicht immer auf den ersten Blick charmant. Aber das Hinterland ist großartig. Genau dort liegt für mich das Potenzial: in Orten, die nicht überinszeniert sind, aber Landschaft, Geschichte und Lebensqualität verbinden.
Für Suchkunden ist diese Unterscheidung wichtig: Die Toskana steht für Identität und kulturelle Dichte, Ligurien für Nähe, Meer und Ganzjahrestauglichkeit, die Abruzzen für Natur, Ursprünglichkeit und ein noch unterschätztes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Was ist dein wichtigster Rat für Menschen, die von einer Immobilie in Italien träumen?
Nicht mit der Immobilie beginnen, sondern mit dem Ort.
Viele verlieben sich zuerst in ein Haus. Aber entscheidend ist, ob der Ort zum eigenen Alltag passt: Wie komme ich hin? Gibt es auch außerhalb der Saison Leben? Wo kaufe ich ein? Gibt es Ärzte? Fühle ich mich willkommen? Kann ich mir vorstellen, mehrere Monate im Jahr dort zu verbringen?
Wenn der Ort stimmt, findet man meist auch die passende Immobilie. Umgekehrt funktioniert es selten.
