
Zentralportugal ist für viele noch ein eher leiser Ort auf der europäischen Landkarte – abseits der bekannten Küstenregionen, geprägt von Landschaft, Weite, Seen, Wäldern und einer Lebensweise, die weniger vom Tempo großer Städte bestimmt ist. Für den Architekten Bertram Hipp wurde diese Region vor 15 Jahren zu einem neuen Lebensmittelpunkt.
Nach vielen Jahren am Zürichsee entschied er sich, die Schweiz zu verlassen und in Zentralportugal neu anzufangen – nicht aus einem strategischen Plan heraus, sondern aus dem Wunsch nach einem anderen Rhythmus. Heute lebt und arbeitet er dort als Architekt, begleitet Bauprojekte vor Ort und kennt die lokalen Strukturen, Materialien, Handwerker und Behörden aus eigener Erfahrung.
Im Gespräch mit Besthomez erzählt der Schweizer Ingenieur und Architekt Bertram Hipp, warum Zentralportugal für ihn mehr ist als ein Rückzugsort, welche Qualitäten das Bauen in der Region auszeichnen und weshalb ein Leben näher an der Natur nicht romantisiert werden muss, um überzeugend zu sein. Es geht um Integration, Verlässlichkeit, Baukultur, Kosten, Lebensqualität – und um die Frage, was entsteht, wenn Architektur nicht nur als Gestaltung verstanden wird, sondern als Begleitung eines neuen Lebensabschnitts.

Interview mit dem Bauingenieur / Architekten Bertram Hipp
Was hat Sie ursprünglich dazu bewegt, Zürich und die Schweiz hinter sich zu lassen und nach Zentralportugal zu gehen?
Ich habe viele Jahre am Zürichsee gelebt – eine privilegierte Situation, ohne Frage. Und dennoch war der Alltag geprägt von Tempo, von Dichte, von einem gewissen permanenten Druck: Staus auf den Strassen, Hektik, Stress und Ärger. Darunter leiden nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Beziehung zur Familie. Man ist zudem umgeben von Menschen, die keinen sehr glücklichen Eindruck machen.
Hier im Süden, in unserer ländlichen Umgebung, ist der Alltag weniger fragmentiert, weniger getrieben. Das wirkt sich unmittelbar auf die eigene Gesundheit aus – körperlich wie mental. Die Menschen machen einen wesentlich zufriedeneren Eindruck.
Der Wechsel nach Zentralportugal war zunächst keine strategische Entscheidung, sondern eher die Suche nach einem anderen Zentrum des Lebens. Nicht mehr die Arbeit und der damit verbundene Rhythmus stehen im Mittelpunkt. Die Nähe zur Natur und der spürbare Frieden in den zwischenmenschlichen Beziehungen schaffen ein anderes Lebensgefühl. Heute, nach 15 Jahren, kann ich sagen: Es war die richtige Entscheidung.
Ich habe auch Freude daran gefunden, einen Teil meiner Lebensmittel selbst anzubauen. Am Morgen im Garten Mandarinen und Orangen pflücken zu können, um daraus einen frischen Saft zu pressen, ist eine Lebensqualität, von der man in der Schweiz oft nur träumen kann. Und das eigene Gemüse schmeckt einfach besser. Es sind einfache Dinge, die aber einen grossen Einfluss auf das generelle Wohlbefinden haben.
Sie arbeiten weiterhin als Bauingenieur hier in Portugal und in dieser Gegend. Was zeichnet das Arbeiten vor Ort aus?
Die Arbeit hier ist geprägt von einer besonderen Qualität in der Zusammenarbeit. Es ist ein grosses Privileg, mit lokalen Handwerkern zu arbeiten. Man kennt sich und findet für aufkommende Herausforderungen immer eine einvernehmliche Lösung.
Beides ist hier möglich: Man kann die traditionelle Bauweise verfolgen, mit schönen Natursteinwänden und lokaler Architektur. Man kann aber auch ein modernes und energetisch hochwertiges Haus bauen, wie man es aus der Schweiz kennt. Oder man kombiniert beides miteinander.
Die Bauvorschriften sind hier wesentlich einfacher und werden lockerer gehandhabt als in der Schweiz. Das lässt viel Gestaltungsspielraum, und viele Ausländer konnten hier bereits ihre Wünsche verwirklichen.
Die Lebensqualität gilt als hoch – wie verhält es sich mit den Kosten, insbesondere im Bau?
Die Rahmenbedingungen sind insgesamt deutlich zugänglicher. Grundstücke bewegen sich auf einem Niveau, das im Vergleich zu anderen europäischen Märkten bemerkenswert ist. Auch die Baukosten bleiben überschaubar – sowohl bei den Materialien als auch bei den Löhnen.
Wie haben Sie das Leben als Ausländer in Portugal erlebt?
Ich würde mich heute nicht mehr als Ausländer bezeichnen. Ich habe früh einen intensiven Sprachkurs gemacht und mich bewusst integriert. Nach sechs Jahren Aufenthalt besteht die Möglichkeit, die portugiesische Staatsbürgerschaft zu beantragen – diesen Schritt bin ich gegangen.
Heute habe ich einen portugiesischen Pass und empfinde das als eine konsequente Entwicklung. Es ist weniger ein Wechsel der Zugehörigkeit als vielmehr die Fortsetzung dessen, was sich über Jahre aufgebaut hat.
Wie erleben Sie die Offenheit gegenüber Ausländern in Ihrer Region?
Generell sind Ausländer hier willkommen. Die Region ist im Vergleich zu den Küstenorten dünn besiedelt, und das prägt den Umgang miteinander. Die Menschen sind offener, direkter – und auch neugierig. Neue Impulse werden nicht als Störung wahrgenommen, sondern oft als Bereicherung.
Gleichzeitig spielt natürlich auch eine gewisse wirtschaftliche Realität eine Rolle. Menschen, die kommen, investieren, bauen und konsumieren – das wird gesehen und geschätzt. So entsteht ein Geben und Nehmen.

Sie begleiten auch Projekte vor Ort. Wie wählen Sie Ihre Zusammenarbeit aus?
Für mich ist die persönliche Ebene immer die Grundlage. Wenn die Chemie zwischen den Bauherren und mir stimmt, dann ergibt sich alles Weitere fast von selbst. Bauplanung und Umsetzung sind ein sehr enger Prozess – er funktioniert nur, wenn Vertrauen da ist.
Ich verstehe meine Rolle dabei weniger als die eines klassischen Architekten, sondern auch als eine Art Begleiter. Gerade für Menschen, die neu in die Region kommen, ist es wichtig, jemanden an ihrer Seite zu haben, der die lokalen Strukturen kennt und einordnen kann.
